Wartburgfest 1817: Erster Meilenstein für deutsche Demokratie

Akademische Feierstunde B! Hansea zu Mannheim zum 200. Wartburgfest-Jubiläum

Die Burschenschaft Hansea zu Mannheim hatte anlässlich der 200. Wiederkehr des studentischen Wartburgfestes vom 18./19. Oktober 1817 zu einer Akademischen Feierstunde in den Gartensaal des Mannheimer Schlosses eingeladen, an der am Abend des 18. Oktobers 2017 über 150 Gäste teilnahmen, darunter neben eigenen Bundesbrüdern der Hansea mit ihren Partnerinnen auch zahlreiche Studentinnen und Studenten der Mannheimer Hochschulen, Verbindungsstudenten aus den Universitätsstädten Mannheim, Heidelberg, Karlsruhe, Stuttgart, Freiburg, Würzburg, Darmstadt, Frankfurt, Saarbrücken und Gießen, sowie Teilnehmer aus dem Freundeskreis der Burschenschaft Hansea. Musikalisch umrahmt wurde die Feierstunde durch ein virtuos aufspielendes Streichquartett mit den Darbietungen Studentischer Melodienreigen und Musikalisches Potpourri zum Wartburgfest 1817.

Das Wartburgfest gilt auch heute noch als Ausgangspunkt des nationalen Aufbruchs, als Vorläufer der Revolution von 1848 und damit der deutschen Demokratie mit weitreichenden Auswirkungen bis in die Verfassung unserer heutigen Bundesrepublik Deutschland. So führte der Vorsitzende des Altherrenverbands der Burschenschaft Hansea, Dipl.-Volkswirt Matthias Wingler, in seiner Begrüßungsrede aus, dass an dem Wartburgfest von 1817, zu dem die 1815 gegründete Jenaer Burschenschaft aufgerufen hatte, 500 von 8500 Studenten aus dem Gebiet des Deutschen Bundes, teilgenommen haben … eine enorme Menge, wenn man bedenkt, dass die Anreise der Studenten vor 200 Jahren zu Fuß auf Schusters Rappen und zum Teil über viele Landesgrenzen der Staaten des Deutschen Bundes erfolgten musste. Wingler hob vier besonders erwähnenswerte Gesichtspunkte des Wartburgfestes hervor:

  • Die deutschen Nationalfarben Schwarz-Rot-Gold … die auf die Fahne der Jenaer Burschenschaft von 1815 zurückgehen.
  • Das Reformationsfest, das sich 1817 zum 300. Mal jährte … und das damals für breite Kreise der Bevölkerung und der Studentenschaft, in der noch die Begeisterungsfähigkeit des zurückliegenden Befreiungskrieges gegen Napoleon lebendig war, ein besonderer Festtag war.
  • Die Verfolgung der freiheitlichen Protagonisten des Wartburgfestes … wegen Hochverrats durch die polizeilichen Organe der Staaten des Deutschen Bundes. Viele der studentischen Festteilnehmer des Jahres 1817 mussten ihre politische Haltung mit der Emigration bezahlen.
  • Vom Wartburgfest über das Hambacher Fest zur Revolution der Jahre 1848/49 und zur Frankfurter Nationalversammlung … Wartburgfest und Hambacher Fest markierten den Weg zur 1848-Revolution, zur Frankfurter Nationalversammlung und zum ersten demokratischen Verfassungsentwurf Deutschlands. Von den etwa 800 Delegierten der Frankfurter Nationalversammlung waren 170 Burschenschafter.

Im Mittelpunkt der Feierstunde stand die von Dr. Peter Kaupp, einem renommierten Studentenhistoriker und Mitglied der Jenaer Burschenschaft Arminia auf dem Burgkeller, gehaltene Festrede „Das Wartburgfest von 1817. Sein Beitrag zur Reformations- und Verfassungsgeschichte“.

Dr. Kaupp verstand es, mit fundierter Recherche und brillanter Sprache die Besonderheiten dieses burschenschaftlichen Schlüsselereignisses vor 200 Jahren und seine bis in unser heutiges deutsches Staatswesen reichenden Ideen und Forderungen aufzuzeigen. Ausführlich schilderte er den Verlauf des zwei Tage dauernden Festes, das mit dem 18. Oktober bewusst auf den vierten Jahrestag der Leipziger Völkerschlacht gelegt und mit dem zugleich aber auch das 300. Jubiläum von Luthers Reformation gewürdigt wurde. So intonierten die überwiegend protestantischen Studenten Luthers Lied „Ein feste Burg ist unser Gotte“ und zum Abschluss „Nun danket alle Gott“. Das Wartburgfest gewann damit in weiten Phasen den Charakter eines mal erhabenen, mal ernsthaften und stets fröhlichen Gottesdienstes.

Doch das Wartburgfest war auch ein politisches motiviertes Fest mit einem politischen Manifest, so Dr. Kaupp. Denn unvermeidlich richteten sich die zum Teil aufflammenden Reden der fortschrittlichen Studenten und Professoren, die größtenteils Veteranen der Befreiungskriege 1813 – 1815, mit denen die französische Vorherrschaft unter Napoleon über große Teile des europäischen Kontinents beendet wurde, gegen die absolutistischen Obrigkeiten im Deutschen Bund. So forderte der Philosophiestudent Georg Ludwig Rödiger am Abend des 18. Oktober 1817: „Wer bluten darf für das Vaterland, der darf auch davon reden, wie er ihm am besten diene im Frieden Die politischen Forderungen des Wartburgfestes mündeten in die von Jenaer Burschenschaftern im November 1817 aufgestellten „Grundsätze und Beschlüsse“, einem konstitutionell-liberalen Programm zur Errichtung eines bürgerlichen Nationalstaates. Zu den Verfassern gehörte u. a. Heinrich von Gagern, der spätere erste Präsident der Frankfurter Nationalversammlung von 1848. Die Hauptziele dieser „Grundsätze und Beschlüsse“ galten der Realisierung nationaler Einheit und konstitutioneller Freiheit sowie der Verwirklichung nationaler Repräsentation und Verfassung. Sie waren gegen den Partikular- und Polizeistaat sowie die Relikte der Feudalgesellschaft gerichtet und enthielten die klassischen Forderungen des deutschen Liberalismus, insbesondere Freiheit der Person, Sicherheit des Eigentums, Garantie der Meinungs- und Pressefreiheit, Einrichtung von Schwurgerichten, Durchsetzung von Ministerverantwortlichkeit sowie Gleichheit vor dem Gesetz … für uns heutige Deutsche ganz selbstverständliche Grundrechte … vor 200 Jahren waren solche Forderungen politischer Hochverrat!

Dr. Kaupp betonte, dass die Gedanken dieser Grundsätze und Beschlüsse von 1817 – teilweise unverändert – in die Frankfurter Reichsverfassung von 1849, in die Weimarer Reichsverfassung von 1919 und in das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland von 1949 eingeflossen sind. Mit ihren Grundsätzen und Beschlüssen waren die Burschenschafter vor 200 Jahren somit Wegbereiter unserer heutigen freiheitlich demokratischen Verfassung. Auch mit dem Grundgesetz und der frühen Bundesrepublik sind die Namen bedeutender Burschenschafter verbunden, etwa Hermann Höpker-Aschoff (erster Präsident des Bundesverfassungsgerichts) oder Fritz Schäffer (1949 erster Bundesfinanzminister).

Dr. Kaupp beschloss seine beeindruckende Festrede mit der Feststellung: „Ihrer Satzung entsprechend bekennt sich die Burschenschaft zur freiheitlich-demokratischen Rechts- und Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Deutschland. In einer Zeit, als bis tief in das Lager der bürgerlichen Parteien die Wiedervereinigung Deutschlands als politisch inopportun, ja reaktionär abgeschrieben wurde, hat die Burschenschaft unbeirrt am Ziel der Wiedervereinigung festgehalten. Damit steht die Burschenschaft bis heute in der Tradition derjenigen ihrer Bundesbrüder, die seit dem Wartburgfest von 1817 mit seinen „Grundsätzen und Beschlüssen“ an der Schaffung der demokratischen Verfassungen in Deutschland und an der Einheit Deutschlands z. T. maßgeblich beteiligt waren. Dies sollte uns in dankbarer Erinnerung bleiben, aber auch für die Zukunft eine Verpflichtung sein, uns als Burschenschafter, Demokraten und Staatsbürger auf allen Ebenen verantwortungsvoll an der Gestaltung unserer ‚res publica’ zu beteiligen.“

Der Erstchargierte der B! Hansea, stud. rer. oec. David Licheri, würdigt den Festredner Dr. Peter Kaupp (links)

Der offizielle Teil der Feierstunde endete mit der Nationalhymne. Bei dem anschließenden Get Together im Gartensaal des Mannheimer Schlosses verweilten die vielen Teilnehmer in froher Runde bei angeregten Gesprächen noch bis weit in den Abend.

Junge Aktive und Alte Herren der B! Hansea zu Mannheim auf dem Empfang im Gartensaal des Mannheimer Schlosses anlässlich der Akademischen Feierstunde zum 200. Wartburgfest-Jubiläum

Die Burschenschaft Hansea zu Mannheim begleitet als liberale, weltoffene studentische Verbindung seit 1909 das erfolgreiche Wirken der Universität Mannheim sowie der später hinzugekommenen Bildungsinstitute Hochschule Mannheim, Hochschule Ludwigshafen und Duale Hochschule Baden-Württemberg. Sie bildet mit ihren studierenden Bundesbrüdern sowie Alten Herren seit über 100 Jahren einen festen Bestandteil des akademischen Lebens in der Metropolregion Rhein-Neckar.

Die Teilnehmer der Akademischen Feierstunde beim anschließenden Empfang im Gartensaal des Mannheimer Schlosses